Rho'keshs Erbe

#1
(Ich hab grad gemerkt dass der Post nicht mit ins neue Forum gewandert ist... )



„Verdammte Scheiße!“

Tack.

„Scheiße.“

Tack.

„Verflucht!“

Tack.

Ein vernehmliches Knurren- der Jungtroll hält in seinem Tun inne und ballt die Klaue zur Faust als könnte er den Stein darin zu Staub zermalmen.

Als das nicht passiert, entschließt er sich, ihn doch eher auf das Standbild- irgendein Trolldings auf einer Lichtung mitten im Dschungel- zu werfen.

Tack. Splitter prallen ab und prasseln auf das tote Laub am Boden.

Er ist es nicht gewohnt, abzuziehen wie ein geprügelter Hund. Vor allem nicht, wenn das, was er vorhatte, eigentlich so leicht sein sollte. Woher hätte er denn wissen sollen, dass diese Anduri den Feigling auch noch schützen? Macht doch einfach keinen Sinn, verdammt. Sollten froh sein, dass er ihnen die Aufgabe abnimmt, den Deserteur zu finden und zu richten, wenn sies schon nicht selber tun, wie jeder anständige Söldnertrupp das würde.

Ein letzter Stein. Er fliegt mit solcher Wucht, dass ihm die Splitter um die Ohren spritzen und er die Augen schließen muss, wenn er sie nicht verlieren will.

„Ich krieg dich noch. Verlass dich drauf. Verlass dich drauf….“


***
„Auf Befehl des großen Ana'thek soll die gesamte Familie des Verräters Kesh'kirr hingerichtet werden.“

Er steht weit hinten in dem Ring aus Trollkörpern, der sich um die Zelte seiner Familie gebildet hat. Ganz innen die Soldaten mit den Speeren. Noch weiter innen sein Chaako, seine Muuka, seine Geschwister.

„...die gesamte Familie....“

Die Worte hallen in seinem Kopf wider. Weit weg spürt er Krallen, die sich in seine Schultern bohren, seine Freunde wohl, die ihn festhalten, damit er nichts Dummes tun kann. Als ob er könnte.

„... des Verräters Kesh'kirr....“

Er kann sich nicht bewegen.

„...Verräters Kesh'kirr....“

An den Trollen vor ihm vorbei sieht er seinen Vater, starrt ihn an. Gleich wird er seinen Dolch ziehen, gleich wird er den Soldaten vor ihm angreifen. Seine Familie verteidigen.

„...hingerichtet werden....“

Aber Chaako tut nichts.

„...Verräter... hingerichtet...“

Er hört sein eigenes Wimmern nicht. Innerlich fleht er. Kämpfe. Wehr dich. Vater. Vater!

„...Kesh'kirr...“

„...Verräter....“

„Verräter....“

„Verräter.“

Ganz weit drinnen bricht Sen'zal, Sohn von Vor'zal und Vater von Zha‘di, mit einer Axt im Schädel zusammen.

Ganz weit draußen kann Zha‘di sich noch immer nicht bewegen.

****

Ein paar Tage später....

Die Bay scheint heute weitgehend frei zu sein von Trollen mit grünen Wappenröcken, stellt Zha'di befriedigt fest, als er vom Windreiter hüpft und den Fuß auf die Planken des Salzigen Seemanns stellt. Umso besser. Daran will er grade echt nicht erinnert werden.

Er schlüpft durch den Schankraum des Seemanns und bei der Tür hinaus, sein Ziel für heute woanders. Eine der zwielichtigeren Spelunken- und das will was heißen hier. Sein Kontakt wartet schon auf ihn, in einer der Nischen ganz weit hinten im Halbdunkel und, natürlich, er hat sich so hingesetzt dass Zha'di mit dem Rücken zum offenen Raum sitzen muss. Ein leises Knurren entfährt ihm- aber da er sowieso nicht lange bleiben wird....

"Ich will ma stark hoffen, dass der Tipp besser ist als der letzte.", informiert er den verkrüppelten Goblin mit gewohnt leiser Stimme, als er sich ihm gegenüber an den Tisch hockt.

Ein echtes und ein mechanisches Auge sehen zu ihm auf, und der schiefe, zur Hälfte verbrannte Mund verzieht sich zu einem spitzzähnigen Grinsen.

"Aye, hab gehört dass das nicht so rund lief." Der Goblin schiebt ihm einen Becher rüber, dessen Inhalt alkoholisch riecht, und den Zha'di gekonnt ignoriert.

"Du hast mich vor der halben verdammten Bay lächerlich gemacht, Zapp, und sowas schätze ich nicht." Er hält seinen Tonfall ruhig, nur die Stimme wird noch leiser, noch tiefer. Zapp lässt sich davon nicht beeindrucken, er kichert, fängt dann an zu husten und spuckt nach einer Ewigkeit einen Batzen Schleim auf die Bretter, der die Konsistenz und das Aussehen von Schmieröl hat. Und es wahrscheinlich auch ist. Der ehemals gutaussehende Goblin (für Goblinstandards) hat sich nach seinem "Unfall" selbst aus Maschinenteilen wieder zusammengebaut, und Goblintechnologie ist nicht umsonst sprichwörtlich.

"Hier." Nachdem er endlich fertig ist mit Husten und Räuspern, hält Zapp ihm einen Zettel hin, der- keinerlei Überraschung hier- komplett mit Öl verschmiert ist und leicht nach Schießpulver riecht. "Hab ein paar unserer alten Freunde für dich ausfindig gemacht."

Zha'dis Krallen zucken, den Zettel an sich zu reißen, aber er beherrscht sich, pflückt ihn gelassen aus Zapps dreckiger Pfote als hätte er es nicht etwa eilig, ein paar Arschlöcher in die Ewigen zu befördern. "Danke. Hast was gut bei mir."

"Alte Zeiten, Kleiner. Machs ihnen nicht zu einfach."

"Keine Angst. Ich hab Zeit." Zha'di lächelt genießerisch. Er faltet den Zettel auseinander, liest die knappen Zeilen, die dort niedergeschrieben sind, und sein Lächeln wird breiter. Na endlich.

"Sie werdens nicht ma kommen sehen. Von denen rechnet keiner mehr mit dir." Zapp fängt an zu lachen, etwas, das ein Goblin, der halb mit verrosteten Nieten und Spucke zusammengehalten wird und auf Schmieröl rennt, auf keinen Fall tun sollte.

Zha'di verzieht das Gesicht, ringt sich aber doch noch ein Grinsen ab. "Kaum ist man ein paar Jahre von der Bildfläche verschwunden, verlieren alle den Respekt." Er steckt den Zettel ein und zieht stattdessen seinen Dolch, macht sich nicht die Mühe, ihn zu verstecken, als er aufsteht, sich über den Tisch beugt und das Entsetzen in Zapps verunstalteter Visage heraufdräuen sieht. "Und wie gesagt, ich mags echt nicht, wenn man mich lächerlich macht."


****
Ein paar Jahre davor...

In der Taverne in Ratchett sitzt ein Trollwelpe und beobachtet…

Blaster war mal wieder beim rekrutieren. Und Zha‘di sah ihm gern dabei zu, von seinem üblichen Platz, halb versteckt hinter den Säulen. Blasters Kompanie, wie sie ganz salopp genannt wurde, war ein Geheimtipp unter den Söldnertruppen. Wer etwas erledigt haben wollte, egal ob es schnell gehen sollte oder jahrelanges hartnäckiges Dranbleiben erforderte, bis das Ziel zermürbt und reif war, wandte sich an Blasters‘.

Vorausgesetzt, es war dem Auftraggeber egal, wie dreckig und blutig die Umsetzung des Auftrags erfolgte.

Dieses Mal waren ein paar vielversprechende Leute dabei. Die blutdistelsüchtige Elfe da- die würde leicht zu kontrollieren sein, und ihr Feuerzauber hatte, nun, Feuer gehabt. Der Troll ohne Nase und Hauer, aber mit dem gewissen Etwas in den Augen. Ein Gnom, halb wahnsinnig wie Gnome nunmal waren. Ein paar hartgesottene Menschen und ein Orc, der förmlich nach Stunk roch.

Im Geheimen grinste Zha‘di sich eins. Der war für ihn.

Als alle Verträge unterschrieben und die Einstandsrunde Bier ausgegeben worden war, winkte Blaster in seine Richtung. Zha‘di erhob sich von der Bank und glitt aus dem Halbdunkel an die Seite des Goblins. Er konnte die Augen spüren, die sich auf ihn richteten, die hochgezogenen Augenbrauen der Neuen, die wissend untereinander ausgetauschten Blicken der alten Hasen. Er musste sie nicht mal sehen.

„Damit ihr alle gleich wisst, woran ihr seid,“, fing Blaster an, und wies mit der Klaue, die seinen Humpen hielt, auf ihn, „Das hier ist Zha‘di. Meine rechte Hand.“

Seine Aufgabe war es jetzt, die Arme zu verschränken und den neuen Haufen abschätzend zu mustern, wohl wissend, was die Rekruten sahen und dachten: Ein magerer Trollwelpe- vielleicht 15 Jahre alt, wenn überhaupt- rechte Hand bei was?

Und richtig, die ersten Grinser wurden bereits ausgetauscht. Aber seine Rolle sah es vor, erstmal nicht darauf zu reagieren.

„Er ist für die Disziplin hier zuständig. Wenn er dir sagt du sollst Wache stehen, tust du es. Wenn er dir sagt du sollst deine Waffe säubern, tust du es. Wenn dir sagt du sollst dir die Nase putzen, tust du es. Wenn nicht, werde ich dir beim Schnäuzen helfen.

- Und jetzt sauft, ihr Muttersöhnchen!“

Der Jubel, der jetzt losbrach, der gehörte ebenfalls zur Inszenierung.

~+~

Es dauerte keine zwei Tage bis zu Teil zwei des Schauspiels.

„Werd ich verdammt noch mal nicht!“ Der neue Orc- dessen Spitzname mittlerweile Fleischklopfer lautete (Blaster hatte eine Schwäche für Spitznamen)- stand mit verschränkten Armen wutschnaubend vor ihm. Zha‘di verzog keine Miene.

„Doch. Wirst du.“

„Bring mich dazu!“ Zähnefletschendes Knurren. Als Antwort darauf ließ Zha‘di ebenfalls ein leichtes Knurren in seine Stimme sickern.

„Wenn ich dir sage du stehst die mittlere Wache, stehst du die mittlere Wache.“

„Ich hatte gestern die mittlere Wache, verdammt!“

„Dann hast du sie heute wieder.“

„Jetz hör mal, du kleiner….!“ Fleischklopfer griff nach der Waffe. Weiter kam er nicht, denn das war Blasters Stichwort.

„Was los?“ Der Anblick des Goblins, der durch das Lager angewatschelt kam, war nicht gerade Ehrfurcht einflößend, aber, und das war das Faszinierende an Blaster, seine roten Augen konnten jeden auf die Knie starren. Einfach jeden. Zha‘di hatte noch nie erlebt, dass jemand Blasters Blick standgehalten hätte.

„Der kleine Scheißer hier…-“

„Dich hab ich nicht gefragt.“

Der Mund des Orcs klappte zu vor Verblüffung. Er wollte sich gerade wieder sammeln und Anlauf nehmen, aber Blaster ließ es gar nicht erst dazu kommen. Mit einem Nicken zu Zha‘di übergab er ihm das Wort.

„Will seinen Wachdienst nicht übernehmen.“

„Ach, so ist das.“ In aller Ruhe wandte sich der Goblin jetzt an den wutschnaubenden Orc. „Hab ich euch Haufen nicht ausdrücklich erklärt, wenn der Kleine hier euch etwas befiehlt ist das, wie wenn es direkt aus meinem Mund kommt?“

Zu Fleischklopfers Ehrenrettung sei gesagt dass er es wirklich versuchte. Aber die Magie von Blasters Blick wirkte letztlich auch bei ihm. Er knickte ein.

„Habt ihr.“

Blaster nickte. „Also wo ist das Problem?“

„Gibt kein Problem, Boss.“

„Na dann ist ja alles gut. Schönen Wachdienst.“

Als der Orc abzog, blutübergossen, konnte Zha‘di grade noch hören wie er irgendwas von „Goblinschwänze lutschen“ vor sich hin knurrte. Und beschloss, ihn diese Nacht ganz besonders genau zu kontrollieren.

~+~

Teil drei des Spiels startete üblicherweise in der darauffolgenden Nacht.

Jeder, der länger bei Blasters war, wusste dass seine rechte Hand nie mehr als fünf Stunden- wenn überhaupt in einer Nacht schlief. Die älteren Mitglieder verließen sich schon darauf.

Auch diesmal rollte er sich kurz nach Mitternacht aus dem Schlaffell, rieb sich müde über das Gesicht, bevor er seine Waffen wieder in deren Halterungen befestigte und aus dem Zelt schlüpfte. Ein Moment lang hielt er inne, um das Lager zu betrachten, das jeden Abend nach dem gleichen Muster aufgebaut wurde, soweit das Gelände es zuließ. Im Brachland ließ das Gelände es zu.
Alles war ruhig, das Zentralfeuer heruntergebrannt, alle schliefen, oder befanden sich zumindest in ihren Zelten. Zha‘di patrouillierte durch die Zeltreihen, fand alles in Ordnung, und schlüpfte dann an der Westecke des Lagers hinaus ins Freie. Heute waren bis auf Fleischklopfer nur alte Hasen auf Wachposten, und die wussten, was sie erwartete, wenn er sie beim pennen erwischte.

Auf dem westlichen Wachposten grinste ihm Madensack schon entgegen. Ihn hatte er noch nie überraschen können. Der Untod schien dem hässlichen Kerl ein paar extra Sinne verliehen zu haben.

„Alles ruhig.“, knarzte er ihm zu. Zha‘di nickte und verschwand im hohen Gras. Die Kunst des Schattenwandelns hatte er zwar nie erlernt, das hieß aber nicht, dass er sich nicht gut verstecken konnte, wenn er wollte.

Der nächste Posten war Matschfresse. Ihre platte Orcnase zuckte als er näherkam.

„Alles ruhig.“, teilte die Mag‘har ihm leise mit, und er nickte erneut.

„Hast dich freiwillig gemeldet?“

Zerkratzte Hauer blitzten auf als sie grinste. „Will die Show nicht verpassen.“

„Der wird das halbe Brachland wachbrüllen, wie ich ihn einschätze, also würdeste das sowieso nicht.“ Zha‘di grinste seinerseits kurz und setzte die Runde fort.

Und erreichte jemanden, mit dem er nicht gerechnet hatte.

Er konnte sehen, wie zwei kurze Kuhohren sich in seine Richtung drehten, bevor er aus dem Gras auftauchte, dann richteten sich trübe Augen auf ihn. Eine vernarbte Bisonnase nickte. „Da bist du ja. Keine besonderen Vorkomnisse, bis auf die Ziesel, die in meinem Fell übernachten wollten. Steig nicht in die Löcher da drüben.“ Der alte Taunka zeigte irgendwo nach rechts.

„Alter Mann. Wenn du unbedingt Wache stehen willst bist du selbst schuld.“ Zha‘di blieb vor ihm stehen.

„Ha. Wie du siehst stehe ich nicht, ich sitze. Und warum sollte ich nicht?“

„Als Heiler… du hast doch hoffentlich nicht vor, ihn zu heilen?“

„Habe ich mich jemals eingemischt, wenn du jemanden diszipliniert hast?“

Zha‘di musste den Kopf schütteln. „Solltest du auch besser nicht.“, warnte er, Augen blitzend. Tetau‘nak schmunzelte ihn nur an. Sie wussten es beide besser. Immerhin hatte Zha‘di den einzigen Überlebenden seiner Herde damals selbst rekrutiert. Und als Heiler hatte er ohnehin Sonderstatus.

Und mit dieser leeren Warnung machte sich Zha‘di auf zum letzten Posten.

Der lehnte gelangweilt an einer Akazie und schnitzte an einem Stück Holz. Und hörte oder sah ihn nicht, bis Zha‘di in Messerwurfweite war. Und auch dann sah er weder das schwache Blitzen des geschwärzten Wurfdolchs, noch hörte er das Zischen des geworfenen Messers.

Aber, wie Zha‘di vorausgesehen hatte, als die Waffe sich in sein Auge bohrte, brüllte er das halbe Brachland aus dem Schlaf.

In unter einer Minute war das ganze Lager auf den Beinen und um den Orc versammelt, der sich am Boden wälzte und zu feig war, das Messer aus seinem Aug zu ziehen.

Blaster kam wie immer als Letzter. Besah sich die Schweinerei ohne Kommentar, stupste Fleischklopfer mit dem Stiefel an. Durchsuchte die Schatten außerhalb des Lagers mit den Augen, bis Zha‘di näherkam und ihm entgegentrat.

Der rote Blick durchbohrte ihn.

„Was soll das?“

„Er hat mich nicht bemerkt.“ Zha‘di hielt Stand. Arme verschränkt- jetzt musste er defensiv aussehen, das Schauspiel sah es so vor. Sie starrten sich gegenseitig an, vor aller Augen. Keiner rührte sich, keiner wagte es, auch nur einen Schritt auf den wimmernden Orc am Boden zuzumachen, um ihm zu helfen.

Schließlich verzog Blaster den Mund, nickte knapp, und befahl, im Weggehen, „Dann kümmer dich jetzt um ihn.“

Und jetzt war er es, den sie alle beobachteten, während sein Mund sich langsam zu einem Lächeln verzog, er auf Fleischklopfer zuschlenderte, sich hinhockte, nach dem Messer griff, und es mit einer Bewegung aus seinem Aug zog, zu erneutem Gebrüll.

Verächtlich zog er die Oberlippe hoch. „Haltet ihn fest.“ Ein Taure und ein anderer Orc- alte Hasen, wie er- sprangen an seine Seite, packten Fleischklopfer jeweils an einem Arm und Bein, und grinsten ihm heimlich zu dabei.

„Also, so wie ich das sehe, benutzt du deine Augen wohl nicht gern.“, teilte Zha‘di dem nunmehr Einäugigen mit. „Dann brauchst du sie auch nicht.“

Wieder Gebrüll, als das Messer auch das zweite Auge herausstach. Der junge Troll wartete die Geräuschexplosion ab, und als Fleischklopfer nur noch winselte, erklärte er ihm, in ruhigem Tonfall, „Leider brauchen wir hier aber keine blinden Orcs.“

Diesmal erstickte das Messer jedes Geräusch, als es von unten durch den weichen Teil des Kiefers in Fleischklopfers Hirn drang.
****

Er war schon öfter allein im Dschungel- natürlich. Welcher Trollwelpe mit ein bisschen Troll-Stolz im Körper wäre das nicht? Allein mit einem vom Vater geliehenen Dolch, sich fast bepissend vor Schiss (was er nachher natürlich auch nicht zugeben würde), aber allein. Im Dschungel.

Bloß war er nie so weit weg gewesen. Oder so lange hier draußen. Allein, nur mit einem Dolch, den ihm einer seiner Kumpels in die Kralle gedrückt hatte, bevor sie ihn Richtung Unterholz schoben. Klar, er konnte nicht in Balia'mah bleiben. Sie würden ihn genauso umbringen wie seine Familie.

Hier draußen würde er wenigstens ein bisschen weniger schnell sterben.

Vor ihm lag das Essen. Trockenfleisch, Dörrobst, ein Schlauch Wasser. Er wollte es. Brauchte es, dringend, sein Magen war so leer dass er sich anfühlte wie eine geballte Faust in der Bauchhöhle. Sein Körper fühlte sich schwach an, matt. Nach Tagen, in denen es ihm höchstens gelungen war, Maden aus Baumstämmen zu pulen, brauchte er dringend mehr.

Und da lag es, vor seiner Nase, so nahe, dass er es riechen konnte und fast zu sabbern anfing. Der Haken an der Sache war nur...

Da saß eine Orc, mitten im Weg.

Er kannte Orcs, allerdings hauptsächlich tot und auf dem besten Weg, in den Kochtopf zu wandern. Und von so nahe hatte er eine lebende sowieso noch nicht gesehen. Braune Haut hatte sie auch, aber über dieses Detail würde er sich später wundern, wenn er herausgefunden hatte, wie er ihr das Essen abluchsen konnte.

Das hier war eine Falle, soviel war mal klar. Er war unvorsichtig geworden bei seinen Raubzügen in das Lager dieser seltsamen Soldatenbande. Eine, die aus sämtlichen Völkern zusammengewürfelt war, die er überhaupt nur kannte, und als Draufgabe noch ein paar mehr. Die Wachen, die diese Typen um ihr Lager aufgestellt hatten, waren ein Witz gewesen, nichts leichter, als nachts an ihnen vorbeizuschleichen und sich zu bedienen.

Nur hatten sie mittlerweile bemerkt, dass da was faul war. Und das war's dann mit der Selbstbedienung.

Die Orc sagte etwas, Worte die er nicht verstand. Er legte die Ohren an, kroch weiter in seinen Busch zurück, als etwas auf ihn zugeflogen kam. Ein Stück Trockenfleisch. Fast hätte er sich drauf gestürzt, es runtergeschlungen ohne auch nur zu kauen.

Nur fast.

Die Orc grinste als sie sein Zögern sah. Sie nahm ein anderes Stück Fleisch, biss herzhaft hinein- er hörte die Fasern reißen und sein Magen krampfte sich zusammen.

Als sie ihm den Rest zuwarf, wartete er nicht auch noch eine Sekunde länger. Er war dem Köder aufgesessen.

****

I.

Die ersten orcischen Worte, die er lernt, sind, „Weg da!“

II.

„Aus dem Weg!“

Der geblaffte Befehl trifft ihn zur selben Zeit wie der Stiefel in den Magen. Atemlos, zusammengekrümmt auf dem Boden, sieht er eben jene Stiefel an sich vorbei marschieren, während das Gelächter rundherum aufbrandet, Nadelstiche in seinen verletzten Stolz.

Er zieht die Lippen zurück, knurrt dem Menschen ins Gesicht und zwischen dem Stiefel in die Fresse und dem Moment wo alles schwarz wird, hat er noch Zeit zu merken, dass das wohl keine so gute Idee war...

III.

„Eh man, lass doch den Klein‘n ma‘ in Fried‘n.“

„Was geht‘s dich an?“

Ein Gurgeln über ihm.

„Hab gesacht du sollst‘n in Fried‘n lass‘n.“

Eine Klaue streckt sich ihm entgegen. Eine Trollklaue. Er zögert, lässt sich aber doch hochziehen.

Findet sich unter dem musternden Blick eines ergrauenden Trollkriegers mit tief eingekerbten Hauern wieder.

„Hey, weißte was, Kleina- am best‘n knackste ab jetz‘ bei mir im Zelt. Da könn‘ die andan nich‘ so leicht an dich ran.“

Er nickt dankbar.

Böser Fehler.

IV.

Es dauert ein paar Stunden, bis sie sie finden- den jungen Troll und den ausgeweideten zukünftigen Leichnam. Noch nicht tot, nein- nicht ganz.

Der Boss verzieht das Gesicht, als er die Sauerei im Schnee sieht. Zu einem zufriedenen Schmunzeln.

„Hat ja lang genug gedauert.“

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